Neuordnung des Volksschulwesens

Bekenntnisschule oder Gemeinschaftsschule ?

In den 1960er-Jahren erreichten die Auseinandersetzungen um die Abschaffung der Bekenntnisschulen und die Einführung der Simultan-bzw. Gemeinschaftsschulen ihren Höhepunkt.
Die Bekenntnisschule wurde in der Regel nur von Kindern einer Konfession ( katholisch oder evangelisch ) besucht und von entsprechenden Lehrkräften nach den Grundsätzen dieses Bekenntnisses unterrichtet.
In der Simultan-bzw. Gemeinschaftsschule dagegen fanden Kinder aller Konfessions- und Glaubensrichtungen eine bekenntnisneutrale schulische Unterweisung.
Die Schule zu Wolferstadt war entsprechend der fast ausnahmslos katholisch geprägten Bevölkerungsstruktur eine katholische Bekenntnisschule. Sie stand auch den im Ort ansässigen andersgläubigen Kindern offen, deren Familien in der Regel als Flüchtlinge und Heimatvertriebene zugezogen waren -In den zum Schulsprengel Wolferstadt zählenden Ortschaften Zwerchstrass, Rothenberg und Siebeneichhöfe jedoch lebten seit Genereationen Familien, die der evangelischen Konfession angehörten. Deren Kinder besuchten als Gastschüler die evangelischen Bekenntnisschulen in Döckingen bzw. Aurnheim. Für sie musste die Gemeinde Zwerchstrass Gastschulbeiträge entrichten.
Für die Befürworter der Bekenntnisschule war die jahrhundertelange konfessionelle Prägung des Schulwesens und der hohe Stellenwert von Kirche und Religion für die Bevölkerung von ausschlaggebender und unverzichtbarer Bedeutung.
Die Gegner jedoch wiesen auf die veränderten Rahmenbedingungen. Mit dem Zuzug vor allem der Flüchtlinge und Heimatvertriebenen hat sich auch die homogene konfessionelle Struktur gewandelt. In Anbetracht nachlassenden religiösen Bindungen sowie eines allgemeinen ökumenischen Aufbruchs ist die Bekenntnisschule nicht mehr zeitgemäß Unter diesen Umständen muss sie zugunsten einer zeitgemäßen bekenntnisneutralen Gemeinschaftsschule abgeschafft werden.
Dies konnte jedoch nur über einen Volksentscheid geschehen, da die Bekenntnisschule in der bayerischen Verfassung verankert war. Im Jahre 1968 wurde in Bayern die Bevölkerung an die Urnen gerufen. Mit deutlicher Mehrheit wurde in ganz Bayern die christliche Gemeinschaftsschule eingeführt.
Für Wolferstadt bedeutete dies in der Praxis, dass von nun an alle Kinder des Schulsprengels an der hiesigen "Christlichen Gemeinschaftsschule" unterrichtet wurden und die bisherigen Gastschulverhätnisse mit Döckingen bzw. Aurnheim damit entfielen.

Es geht um die wenig gegliederte Landschule

Schulhaus in Gosheim

Beim nächsten Schritt ging es um die Abschaffung wenig gegliederter Schulen zu Gunsten größerer Einheiten mit reinen Jahrgangsklassen. Zahlreiche Landgemeinden verloren ihre Schulen, in unserem näheren Bereich: Otting, Weilheim, Gosheim, Gundelsheim, Möhren, Amerbach, Wittesheim, Warching, Itzing, Flotzheim, Sulzdorf. Selbst größere Orte blieben davon nicht verschont wie z.B. Fünfstetten, Buchdorf und Ebermergen. Die schulische Betreuung der Kinder erfolgte in großen Mittelpunktschulen z.B. Wemding, Monheim, Harburg. Auch Wolferstadts Schule, im Einzugsbereich Wemdings gelegen, drohte die Auflösung.
Der "schulische Kahlschlag" auf dem flachen Lande bedeutete für viele kleine Gemeinden einen schmerzlichen Verlust nicht nur an ihrer Eigenständigkeit sondern auch eines wesentlichen Fixpunktes ihrer sozialen und kulturellen Identität. Die Organisation der Schülerbeförderung sowie die schulische Betreuung an überladenen Mammutschulen kann nicht in allen Fällen uneingeschränkt als pädagogisch gewinnbringend bezeichnet werden. Die alte Landschule hat lange Zeit pädagogisch und unterrichtlich durchaus erfolgreich die Schullandschaft geprägt.

Grundschule in Wolferstadt- Hauptschule in Wemding

Eine realistische Bestandsgarantie für die Schule wäre auf Grund der Schülerzahlen nur über die Hereinnahme von Schülern aus Otting möglich gewesen. Die Gemeinde Otting lehnte dies jedoch ab und plädierte für einen Zusammenschluss mit Wemding. Im Schuljahr 1969/70 waren sämtliche Schüler aus Otting der Grund-und Hauptschule Wemding zugeordnet. In Otting wurden in einer Außenstelle von Wemding die Schülerjahrgänge 1-2 unterrichtet. Als Lehrkraft wurde die Lehrerin Maria Schuster von Wolferstadt abgeordnet. Die Wolferstädter Schule mit 109 Schülern musste 3-klassig geführt werden
Die Regierungsentschließung vom 25. Juli 1969 sah sogar die Herausnahme der zur Gemeinde Otting gehörenden Gemeindeteile Dattenbrunn und Weilheimerbach aus dem Schulverband Wolferstadt vor. Dagegen erhoben Gemeinde und Elternbeirat energisch Einspruch.

Schwaben oder Franken?

Landrat Dr. Popp stellte daraufhin einen neuen Vorschlag zur Diskussion. Seine Intention war, den nördlichen Teil des Landkreises mit den Gemeinden Wolferstadt, Otting, Weilheim, Gundelsheim und Möhren schulisch und politisch für den Landkreis zu sichern. Bei einem Gespräch mit den Vertretern der Schulen und Gemeinden in Gundelsheim erläuterte er seine Vorstellungen. Demnach sollte ein neuer Schulverband gegründet werden mit einer Hauptschule in Gundelsheim und 2 Grundschulen in Wolferstadt und Weilheim/Rehau. Die Grundschüler von Otting und Wolferstadt sollten die Schule in Wolferstadt besuchen, während die Schülerjahrgänge 1 - 4 aus Gundelsheim, Möhren, Weilheim und Rehau zum Besuch der noch zu errichtenden Grundschule in Weilheim/ Rehau vorgesehen waren. Für die Schüler der Jahrgänge 5 bis 8 aus den genannten Orten wäre die neue Schule in Gundelsheim in Frage gekommen. Es konnte jedoch nach einer äußerst heftigen und emotional geführten Debatte keine Einigung erzielt werden. Vor allem die Vertreter der Gemeinden Gundelsheim und Möhren lehnten den Vorschlag ab und plädierten für eine Hinwendung an das nahe gelegene Treuchtlingen. Damit waren die Weichen für die kommende Kommunalreform gestellt: Gundelsheim und Möhren lösten sich aus dem Landkreis und dem Regierungsbezirk Schwaben und wurden fränkisch.

Otting und Wolferstadt finden zusammen

Die Situation um die Wolferstädter Schule spitzte sich dramatisch zu. Ohne Schüler aus anderen Orten musste mit ihrer Auflösung gerechnet werden. Angesichts der kritischen Lage sprachen die Bürgermeister des Schulverbandes und Schulleiter Wiedemann bei den zuständigen Stellen an der Regierung von Schwaben vor. An Hand der Schülerzahlen in den folgenden Jahren erläuterten sie die Situation und machten deutlich, dass bei einer Hereinnahme Ottinger Schüler der langährige Bestand einer funktionsfähigen Schule in Wolferstadt gesichert wäre. Die vorgebrachten Argumente konnten offensichtlich überzeugen. Frau Rist, die Leiterin der Schulabteilung bei der Regierung, versicherte, dass der Fall Wolferstadt geprüft werde und dass in Kürze mit einer diesbezüglichen Regierungsentschließung zu rechnen sei.
Inzwischen hat sich die Meinung in Otting zugunsten eines Zusammenschlusses mit Wolferstadt gewandelt. Ab Schuljahr 1970/71 besuchten die Ottinger Kinder die Grundschule Wolferstadt. Damit war der Bestand der Schule für absehbare Zeit gesichert..

Schülerzahlen aus Wolferstadt und Otting
von 1969/70 bis 1975/76

182
182
171
169
72
110
73
109
162
38
106
69
100
142
69
93
140
61
81
55
85
Otting
Wolferstadt
1969/70
1970/71
1971/72
1972/73
1973/74
1974/75
1975/76
KLASSENBILDUNG 1970/71
Klasse
Schülerjahrgang
Anzahl der Schüler
Lehrkraft:
I
1
28
Gertrud Wiedemann
Außenstelle in Otting
II
1 u. 2
41
Gerhard Merk
III
2.
29
Maria Schuster
IV
3.
46
Josef Ullmann
V
4.
40
Anselm Wiedemann

Der Schulverband Wolferstadt-Otting

Spachtelarbeit des Wemdinger Künstlers Manfred Laber
im Treppenhaus der Grundschule

Mit dem Schuljahr 1970/71 traten die Bestimmungen über die

Neuordnung des Volksschulwesens

in Kraft.

Diese sahen einschneidende Veränderungen der Schullandschaft auch in unserem Bereich vor:

1. Die "Katholische Bekenntnisschule" wird aufgelöst. An ihre Stelle tritt die "Christliche Gemeinschaftsschule"
2. Die bisherige Volksschule mit 8 Jahrgängen wird ersetzt durch eine 4-jährige Grundschule und eine Hauptschule, die nach Einführung eines 9.Schuljahres die Schülerjahrgä¤nge 5 - 9 umfasst.
3. Wolferstadt wird Sitz einer Grundschule. Träger ist der Schulverband Wolferstadt-Otting.
4. Im Anschluss an die Grundschule besuchen die Schüler die Hauptschule mit Sitz in Wemding.

Die veränderte Schullandschaft ( Auflösung zahlreicher Dorfschulen und Konzentration auf einige Mittelpunktschulen) hatte zum Teil unzumutbar weite Schulwege zur Folge, was den Einsatz von Schulbussen erforderte. Die Schülerbeförderung. per Bus bedeutete für die Kinder der Weiler und Einöden, die bislang bei Wind und Wetter den beschwerlichen Weg zur Schule nach Wolferstadt zu Fuß gehen mussten eine komfortable Einrichtung. Die Finanzierung und die Organisation jedoch stellten Kommune und Schulleitung vor manche Probleme und Herausforderungen.

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